Keine Zeit für Kosmonauten
Roman
Im Braunkohlerevier im Süden von Leipzig ist es ruhig geworden, doch plötzlich häufen sich seltsame Todesfälle in der Kleinstadt Pegwitz . Der Bäcker Ronny Du Bois ahnt, um was es geht, doch er steht mit dem Rücken zur Wand. Mit Ljubov, seinem Wellensittich Fjodor Sergeiwitsch und dem Familienrezept für Erdbeertorten macht er sich auf nach Weißrussland und wird zum Helden.
270 Seiten
Leseprobe
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Vor dem Heute, aber nach dem Sozialismus – Pegwitz, eine Kleinstadt im Süden von Leipzig mit vielen Seen, sauberer Luft und unzufriedenen Menschen. Euro heißt die neue Währung, obwohl man von der D-Mark geträumt hatte.
Die Stadt hatte die ersten tausend Jahre gut überstanden. Im Krieg unversehrt, war alles intakt zur Wende. Vielleicht etwas schmutzig und baufällig, aber nicht einmal der Sozialismus hatte die alten Stadtmauern kleingekriegt. Eingekesselt vom Braunkohletagebau und abseits der Fernstraße nach Leipzig, war Pegwitz seit 1813 in Vergessenheit geraten, und selbst die Völkerschlacht hatte ein paar Kilometer entfernt stattgefunden.
Als die Renovierungswelle in den neunziger Jahren durch den Osten fegte, blühten bunte Fassaden aus dem Grau der Steine. Nur im Stadtkern hinter den Stadtmauern hielt sich der alte Putz. Keiner wollte die Fachwerkhäuser mit den niedrigen Decken und den kleinen schiefen Fenstern. Dicht drängten sie sich an die Stadtmauern, die sie nicht schützen konnten, vor dem was kam. Dieser Feind musste sie nicht stürmen oder belagern. Er war überall. Fenster verlernten das Sehen, Türen das Öffnen. Viele Häuser standen leer, Lücken hatten sich wie Karies in die Häuserzeilen gefressen.
Wer nicht weg war, hatte sich ein Haus in einer Siedlung gebaut, mit Garten und Garage. Der Blick auf den Grill des Nachbarn und das Trampolin seiner Kinder statt auf die Esse und die Gemeinschaftswäscheleine im Hinterhof. Es fühlte sich gut an, die eigenen vier Wände, auch wenn sie der Sparkasse gehörten. Genauso wie das Auto und der Flachbildfernseher. Die Rübergemachten kamen anfangs mit fremden Nummernschildern und Kaufkraft am Wochenende zurück und erzählten den Zurückgebliebenen von ihren Arbeitsplätzen im Schwarzwald oder Oberbayern. Manche sprachen sogar Dialekt – nicht mehr Sächsisch. Doch bald waren sie fremd in ihrer alten Heimat, und die Gespräche über das Neue mit den wenigen Dagebliebenen versiegten.
Es war ruhig geworden in Pegwitz, dafür sorgten die Umgehungsstraße und ein Gewerbepark außerhalb der Stadt. Kein Kinderlärm auf den Straßen, keine streitenden Marktweiber oder Bergleute, die ihren Lohn zum Wirt und den Rausch nach Hause trugen. Pegwitz war wie ein schwarzes Loch; erst verschwanden die Dörfer durch Schaufelradbagger, dann die Schaufelradbagger durch Windräder und die Menschen in den Westen.
Die Hauptstraße am Markt war im Zeitraffer zu einer Sackgasse ohne Perspektive verkommen. Kurze Wege, lokale Herstellung und persönliche Kontakte wurden von der „Geiz ist geil“- Welle weggefegt. Ein paar Geschäfte klammerten sich zäh an die Vergangenheit, denn ihre Zukunft war zusammen mit der DDR aus der Stadt verschwunden. Sinnlose Parkverbotsschilder waren groteske Zeichen der Moderne.
„Spielwaren Igruschkin“ hatte nur das erste Weihnachtsgeschäft nach der Wende erlebt. Die Lichterketten- Festtagsdekoration in Kunstschneeoptik lag seitdem zusammen mit ein paar ausgebleichten Kartons und Plüschtieren ganzjährig in der Auslage. Keine Kindernasen drückten sich am grauen Schaufenster mit den Spielsachen, die schon lange niemand mehr wollte.
„Schreibmaschinenbedarf Pischtschenko“ hatte nicht nur die Wende, sondern auch die Digitalisierung verschlafen. Als alle auf Disketten umstiegen, lagen polnische Schreibmaschinen-Farbbänder im Schaufenster, schwer und tot wie Blei. „Schreibmaschinenbedarf Pischtschenko“ war die Widerlegung der ökonomischen Theorie, dass jedes Angebot seine Nachfrage findet.
Der alte Schewalski von „Nähmaschinenreparatur Schewalski“ dagegen hatte Glück, dass er alt und krank genug zum Sterben war. Spätestens, wenn er die erste „Pfaff“ made in China zur Reparatur in die Hände bekommen hätte, wäre er tot umgefallen. So blieben ein paar alte Veritas-Nähmaschinen zusammen mit Burda- Schnittmustern sein Vermächtnis einer untergegangenen Welt.
Beim Konsum, ehemals „Kolonialwaren Dienstbier“, hing ein Zettel, dass bald ein „Pop-up Store“ eröffnen würde. Keiner konnte sich vorstellen, was das sein sollte. Die wussten, was „poppen“ heißt, und dass in Amsterdam Nutten in den Schaufenstern standen, behielten das Schaufenster im Auge.
Bei der „Markt Apotheke“ mit der barocken Verzierung um die Eingangstür konnte selbst die Inschrift „Erbaut mit Gottes Hilfe im Jahre des Herrn 1664“ den Verfall nicht stoppen. Gottes Hilfe kam zu spät, egal ob im Sozialismus oder Kapitalismus. Die neue Apotheke im Gewerbepark war mit Stahl und Beton erbaut. Und man war Allianz-versichert, da brauchte es keinen Gott.
Nur der Friedhof und das Altersheim im ehemaligen Wasserschloss hatten kein Problem mit der Nachfrage. Die Altbesitzer des Schlosses schüttelten nur mit dem Kopf, als man sie im Westen ausfindig gemacht hatte und darum bat, ihre Restitutionsansprüche geltend zu machen. Vielleicht hätte man keine Fotos von den alten Menschen schicken sollen, die in Schlafsälen auf Metallbettkanten saßen und auf den Tod oder die Renovierung warteten.
Schaufenster ohne Funktion, zur Schau wurde darin schon lange nichts mehr gestellt. Manche hatten gleich nach der Wende aufgegeben. „HO“ oder „VEB“ Aufschriften verblassten oder waren überklebt. Keine Schaufenster mit Puppen, die nostalgische Spinnrädern oder Nähmaschinen mit Fußantrieb betrieben. Keine Initiativen zur Belebung der Altstadt, wie irgendwo in Brandenburg, wo Studenten in den Schaufenstern wohnten und Geld sammelten, wenn man ihnen beim Abendessen, Schlafen oder Ficken zusehen wollte. Für ein Extrageld prügelten sie sich sogar, deklamierten Gedichte oder machten andere Dinge nach Preisabsprache.
Kleinigkeiten machten den Unterschied: „Vorübergehend geschlossen“ klang besser, als gar kein Schild. „Zu vermieten“ barg die Hoffnung einer anderen Zukunft, auch wenn es die nicht geben würde. Doch in Pegwitz waren die Auslagen einfach nur leer, bis auf eine Staubschicht, die jedes Jahr etwas dicker wurde.
Die Stadtverwaltung versuchte entgegenzusteuern. Ein lokaler Event- Kettensägevirtuose durfte seine Holzsägekunst in ein paar leeren Schaufenstern ausstellen. Grobschlächtig wie gequälte Kreaturen von Käthe Kollwitz standen sie dort und starrten die Passanten vorwurfsvoll an. Und weil die Preise den Heizwert der Klötze überstiegen, war es nicht verwunderlich, dass niemand das Zeug kaufte. Aber immerhin waren die Schaufenster voll. In anderen Auslagen hingen historische Bilder der Innenstadt, die sich kaum von den grauen leeren Straßen in der heutigen Zeit unterschieden. Keine Autos damals wie heute, nur mehr Menschen, die sich damals stolz dem Fotografen präsentierten.
Die wenigen Geschäfte, in denen noch Licht brannte, waren angezählt. Wie ein Boxer bäumten sie sich auf, um in die nächste Runde der Abwärtsspirale zu taumeln. Haushaltswaren „Kloose“, Elektro „Momber“ oder Eisen „Heise“ hatten sich in das alte Kopfsteinpflaster verkrallt. Sie hatten verkürzt, reduziert, entlassen, und doch war ihr knock-out nur eine Frage der Zeit. Ihre Lebenszeichen waren spärlich wie der Puls eines Braunbären beim Winterschlaf. Keiner brauchte ihre Beratung, wenn es im Internet tausende Bewertungen gab. Keiner wollte mehr als den Niedrigstpreis zahlen, wenn die Lieferung direkt an die Wohnungstür inklusive war.
Auch die Bäckerei „Du Bois“ hatte noch auf. Von allen einfach Dubois ausgesprochen, Frankreich war weit weg und Französisch die Sprache der Extravaganz. Ihre gusseiserne Knetmaschine und der Backofen waren einfach zu schwer, um zu verschwinden.
Ronny Du Bois las Zeitung, wenn andere schliefen und schlief, wenn andere Zeitung lasen. Um früh aufzustehen, brauchte er keinen Wecker und keinen siebten Sinn, denn Fjodor Sergeiwitsch wusste, wann es Zeit war. Jeden Morgen um zwei Uhr krächzte der Wellensittich „Schlagbaum hoch!“. Auch sonntags, denn das machte für ihn keinen Unterschied. Ronny war die Dunkelheit gewohnt, wenn er mit der Arbeit begann. Auch so wusste er, was zu tun war.
In der Schule hatte er Kosmonaut als Berufswunsch angegeben, aber das machten damals alle. Wer war schon so blöd und gab Chemiearbeiter oder Traktorist an? Dass am Ende die meisten in den Braunkohletagebau oder auf Schicht in die Chemiewerke nach Leuna gingen, war eine der Enttäuschungen, die die Zukunft parat hielt. Doch die ist weit weg, wenn man jung ist. Einer in der Klasse wollte Frauenarzt werden und wurde schwul.
Dass niemand Kosmonaut wurde, lag nicht nur am Mangel offener Stellen im grenzenlosen Weltall, sondern daran, dass sich die DDR zu einem für die Berufswahl entscheidenden Zeitpunkt aus dem Staub gemacht hatte, und man, wenn überhaupt, Astronaut werden konnte. Aber erstens brauchte man im Westen genauso wenig Astronauten wie im Osten Kosmonauten und zweitens interessierte der Kosmos zu diesem Zeitpunkt keinen mehr.
Der Konsum von Westessen und Westfernsehen überlagerte den Berufsfindungsprozess. Grenzen gab es nicht mehr. Alles schien möglich, nachdem die alten Männer in asch-grauen Polyesteranzügen und Hornbrillen verschwunden waren. Berufe hießen jetzt Jobs, aber auch die gab es nicht. Gebrauchtwagenhändler, Sachbearbeiter im Arbeitsamt oder Hütchenspieler in der Fußgängerzone standen hoch im Kurs. Tagebaukranführer oder Halbzeugwerker dagegen waren noch nie sexy und blieben das auch. Wer konnte, schulte um, etwas mit Perspektive, nur nicht hier. Der Deckel war runter, der Rauch lichtete sich. Blaue Fetzen hatten sich zwischen die Tagebauwolken geschoben, der über Pegwitz lag. Darunter war es still geworden in den Gruben und Kokszechen. Der Markt erledigte seine Aufgabe effizient und im Eiltempo. Die Zuschauer am Rand wurden immer mehr. Das russische Sprichwort: „Wo wir sind, ist es schlecht“, hing wie ein Fluch über dem Land, obwohl die Russen schon lange verschwunden waren.
Ronny hatte Glück, denn Familienunternehmen gab es immer und würde es immer geben. So zumindest dachten sein Vater, die Handwerkskammer und die, die nicht wussten, wovon sie redeten. Du Bois backte Brötchen und klebten Torten, als ob draußen nicht eben die Welt unterging. Revolutionen, Naturkatastrophen und Bäcker gab es schon immer. Und so war die Bäckerei „Du Bois“ auch zur Zeit der Wende ein sicherer Hafen in der Ungewissheit, die sich durch den Braunkohlenebel ihren Weg in das Bewusstsein der Leute brannte. Der Bäcker war die Basis der Bedürfnispyramide, egal ob Sozialismus oder Kapitalismus, denn gegessen wird immer. Er solle froh sein, mahnte sein Vater, wenn Ronny aus der Backstube seinen Freunden hinterher blickte, wie sie orientierungs– und arbeitslos auf ihren Simsons durch die Stadt fuhren, weil es keine Kosmonauten, ja noch nicht einmal mehr Chemiearbeiter brauchte. Manche hatten Mädels hinten drauf und pfiffen auf die Arbeit, besonders laut, so schien es Ronny, wenn sie an der Backstube vorbeifuhren.
Alles schien sich zum Besseren zu ändern, so wie es der dicke Kanzler aus dem Rheinland versprochen hatte. Zutaten gab es in Hülle und Fülle, sogar Erdbeeren im Winter. Kühlschränke, Knetmaschinen und Backöfen in gebürsteter Aluminiumoptik - alles ohne Lieferprobleme - kein Problem. Alles schien plötzlich möglich, sogar Gewinnerzielungsabsichten.
Doch von bunten Werbebeilagen angestachelt, wurde die Nachfrage anspruchsvoll. Wählerisch und selbstbewusst stand sie in den Verkaufsräumen. Im Osten vernachlässigte Mechanismen, wie Konkurrenz und freie Preisbildung, hatten sich aus der Deckung gewagt. Die Kunden hatten sich umgesehen und schnell gelernt. Sie verlangten Auswahl und Rabatte. Aber vor allem wurde sie immer weniger, denn viele hatten keine Lust auf bessere Zeiten zu warten und gingen dorthin, wo sie schon angebrochen waren – nach Westen. Im Gegenzug kamen Tiefkühlbrötchen und Fertigtorten nach Osten. Aber was konnte das einem Traditionsunternehmen anhaben, wenn die blühenden Landschaften bald vor der Tür standen? Das mit der abgewickelten Industrie und der Kohle und dem Stahl war das eine, immerhin stanken die Flüsse nicht mehr nach verbrannten Strumpfhosen. Aber ein Ostbrötchen musste sich nicht vor einem Westbrötchen verstecken, fand sein Vater und krempelte die Ärmel hoch.
Als das Bäckereisterben begann, starben auch die alten Du Bois. Als der Osten sich die Welt ansehen ging, zog es auch Ronnys Eltern in die Ferne. Dorthin, wo es keine Brötchen gab, wo sie niemand verstand, und das Leben ein einziges Fest war. 200 Euro eine Woche mit Frühstück inklusive Anreise und Sonne. Klar, dass der Busfahrer keine Zeit zum Schlafen hatte und es beim Fahren nachholen musste.
Ronnys Eltern kehrten nie aus Barcelona zurück. Es war ihr erster und letzter Urlaub, wenn man Sonntagsausflüge in den Harz oder ins Erzgebirge nicht mitzählte. Kunden im Stich lassen, nicht da sein, das ging nicht. Da waren sie ganz Japaner. Sie wussten nicht, was sie woanders machen sollten, wenn zuhause die Backstube leer stand. Da will sich auch kein Erholungseffekt einstellen. Im Urlaub muss man bei der Sache sein, am Sandstrand sitzen und den Sonnenuntergang beobachten. Vielleicht mit einem Glas Rotwein in der Hand und die andere auf der Schulter des Mitreisenden ruhend. Dann muss man die Gedanken schweifen lassen und nicht an den heimischen Baggersee und die Nachfrage denken, denn sonst kann man gleich zuhause bleiben. Und das taten die Du Bois auch. Nur Spanien, das war der Traum seiner Mutter. Dafür haben sie sich die Zeit aus den staubigen Bäckerrippen geschnitten.
Die Brötchen lagen gut in Ronnys Hand. Die Rezepte hatte er im Kopf – sogar das für die legendäre Erdbeertorte. Es wäre eine gute Gelegenheit, sich als Jungbäcker zu beweisen, und er könne bestimmt ein paar Tage allein zurechtkommen, so seine Eltern beim Abschied am Busparkplatz. Ihre blassen Bäcker-Gesichter hinter den Scheiben waren das letzte, was er von ihnen sah. Irgendetwas riefen sie noch, worüber sich Kleinunternehmer vor dem Urlaub Sorgen machten. „Verschlafe nicht“ oder „vergiss nicht den Gashahn abzudrehen“. Ronny nickte und machte Handbewegungen, die unterstreichen sollten, dass er alles im Griff habe, denn seine Eltern sollten sich keine Sorgen machen.
Aus ein paar Tagen wurde für immer, und Ronny Jungunternehmer.
