
2025 erschienen bei Sparkys Edition
277 Seiten
Spatzenrennen
Klappentext
Als der frisch verwitwete Michl in einer durchzechten Nacht das marode Sägewerk vom Habicht Heiner für einen Euro kauft, darf er nicht viel erwarten – außer Ärger.
Als dann noch Mike, sein missratener Enkel aus der Stadt, auftaucht und mit den Mopedrockern illegale Mutproben ablegt, weckt das den Argwohn im Dorf und das betrunkene Auge des Gesetzes von Gurch, dem Dorfpolizisten. Der hat noch eine alte Rechnung offen mit Michl. Die Dinge geraten außer Kontrolle, als bei einer Betriebsüberprüfung im Sägewerk ein Unfall geschieht.
Am Ende reibt sich Michl die Augen, als sich Elke, die Wurstverkäuferin, an ihn schmiegt und im Rückspiegel des Unimog der feuerrote Himmel über dem Dorf verschwindet, denn eigentlich hat er nach dem Tod seiner Frau nicht mehr viel vom Leben erwartet.
Leseprobe
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Der Rauch kippte schräg aus den Schornsteinen, als ob die Häuser wie Dampfloks das Depot verließen. Der Wind schob ihn mit den Wolken davon, beißender Geruch nach Holzfeuer blieb wie ein Deckel über dem Dorf zurück. Regen trommelte den Takt, Blätter rauschten, Mauerritzen heulten die Melodie des Herbstes. Der Wind suchte nach Mitspielern für seine wilde Komposition. Eine Fensterscheibe, die in den Angeln klirrt, ein Ziegel, der auf der Straße zerschellt oder ein Stück Wäsche, die wie ein übermütiger Vogel ihm hinterherflattert?
Das Haus oberhalb des Dorfes trotzte dem Wind länger, als Michl mit seinen siebzig Jahren darin wohnte. Es kannte seine Launen und Tricks, wenn er wie ein Einbrecher an den Türen und Fenstern rüttelte, um mitzunehmen, was nicht fest war. Doch nur ein paar Blätter zogen mit runter zum Dorf, wo er durch die Straßen streifte und anklopfte. Niemand öffnete ihm, nur ein kaputtes Scheunentor schlug mit dem Wind im Takt. Zu träge, um ihm zu folgen.
Das Dorf tat, als ob es nicht da wäre. So wie die Alten, die nur ein geübtes Auge erkannte, wenn sie auf den Bänken saßen und wie Tote vor sich hinstarrten, bis jemand zum Essen rief und sie plötzlich wieder zum Leben erwachten. Sie hofften, dass es noch dauerte, bis er sie irgendwann für immer holen käme.
Das Rauschen ging unter im Lärm der Traktoren, Kühe und Kirchenglocken. Michl war das einzige Publikum des Windes. Sein Treiben zerstob die Stille, die sich wie Watte um ihn gelegt hatte. Er kannte die Himmelsrichtung, wusste, ob er Regen oder fremde Gerüche mit sich brachte. ‚Vielleicht würde er ihm etwas zutragen, eine Nachricht von ihr?‘, hoffte er. Doch von ihr hatte er nie etwas dabei.
Seine Gedanken hatten sich in einem Strudel verfangen, sein Blick den Rahmen verloren, seine Stimme das Sprechen verlernt. Die Stille wurde immer lauter, lechzte nach Lärm. Hören ist die Kunst der Einsamen.
Er hörte die Kirchenglocken, wenn er nachts schlaflos im Bett lag und mitzählte: vier Schläge für die volle Stunde, einer für jedes Viertel. 00.15 - der erste Schlag eines neuen Zeitabschnitts, gleichmäßig von den Glocken filetiert.
Er hörte das Ächzen der Fichten am Waldrand hinter dem Haus, wenn der Wind die Nadeln durchkämmte. Sie verbeugten sich vor seiner Macht, wenn er an ihren Kronen rüttelte, um zu prüfen, ob die Wurzeln noch hielten.
Er hörte das Klagen der Kühe unterhalb des Hanges, die vergorenen Mais statt Heu bekamen. Ein Wunder, dass sie nicht platzten. Kein Wunder, dass die Milch nicht schmeckte.
Er hörte das Postauto, wenn es die Anhöhe hochkroch, oben angekommen beschleunigte und verschwand. Nur auf den Zeitungsausträger war Verlass, der frühmorgens durchs Dorf fuhr und die „Südostoberfränkischen Nachrichten“ wie aus einer Kanone gegen die Haustüren ballerte.
Manchmal, wenn die Stille zu laut wurde, schmiss er eine der kitschigen Hummelfiguren aus der Glasvitrine gegen die Wand. Sie hatten ihm nie gefallen. ‚Humel‘ stand am Boden, das andere ‚m‘ mussten die Polen oder Vietnamesen vergessen haben. Doch kaputt ging der Nippes nicht. Er warf, bis die Tapete Löcher bekam, doch die polnisch-vietnamesischen Plagiate blieben trotzig auf dem Boden liegen und dachten nicht daran aufzugeben. Schwerkraft, Trägheitssatz und andere physikalische Gesetze gaben ihr Bestes, doch erst der Hammer machte ihnen ein Ende.
Manchmal hörte er Schritte im Treppenhaus oder ihre Stimme, die vom Garten nach ihm rief. Er lief hinaus und suchte sie. Erst wenn er vor Kälte zu zittern begann, verstand er, dass alles nur Einbildung sein musste. Dann lachte der Wind über ihn und fuhr frech durch seine Haare. Sie würde nicht kommen, nicht einmal rufen. Weg war sie, wie vom Erdboden verschluckt.
Seine Frau lag am anderen Ende des Dorfes auf dem Friedhof begraben. Ein frisches Grab, nicht abgedeckt mit einer schweren Marmorplatte, wie man es hier machte, um auf Nummer sicher zu gehen. Ausgerechnet zwischen dem Schluck Franz und dem Specht Fritz. Der eine links, der andere rechts von ihr. Seltsame Gesellen, zu Lebzeiten immer im Streit wegen der Kartenspielerei. Beide Choleriker, der eine Trinker und Zinker, der andere Trinker und Zänker. Man nannte sie Schluckspechte. Gleichzeitig waren sie gestorben, wie ein altes Paar, bei dem der eine nicht ohne den anderen sein konnte.
Es musste im Streit vor dem Wirtshaus geschehen sein, Genaues wusste niemand. Gegen ihre sonstige Gewohnheit kamen sie vom Rauchen nicht in den Gastraum zurück. Reglos fand man sie auf der Bank an der Tanzlinde sitzen. Kopf an Kopf, als flüsterten sie miteinander – friedlich und nicht tot.
Der Fritz hatte die Ass-Karte aus Franz Ärmel herausspitzen sehen, was ihn so aufgeregt hatte, dass er plötzlich zu leben aufhörte und tot sitzen blieb. Einfach so, mit der nicht fertiggerauchten Zigarette zwischen den Fingern. Nicht einmal umgefallen war er, so hat ihn das geärgert.
Der offene Ausgang des Spiels hat den Franz so wütend gemacht und gleichzeitig mit Schrecken an eine fritzlose Zukunft denken lassen, dass er spontan mitgestorben war. Wie zu einer Partie im Jenseits verabredet, lag das Blatt zwischen ihnen.
Vorerkrankungen gab es bei beiden zuhauf, allein die Leberzirrhose hätte für drei gereicht. Der Arzt schrieb „Herz“ in den Totenschein, wie das Ass im Ärmel von Franz. Um künftigen Ärger zu vermeiden, hatte man sie nicht nebeneinander beigesetzt. Dass es Michls Frau als Puffer erwischt hatte, war reiner Zufall.
Das Ableben der beiden hatte beim Dorfwirt Spuren hinterlassen. Es war so ruhig geworden, dass man die Hintergrundpopmusik im Gastraum hören konnte, und sogar das Klößekneten der Wirtsfrau aus der Küche. Man fragte sich, ob das mit den beiden in Ewigkeit so weiterginge. Würden sie sich versöhnen, war Kartenspielen im Himmel überhaupt erlaubt? Doch es bestand der Verdacht, dass es keiner der beiden in den Himmel geschafft hatte. Der Priester hatte in seiner Trauerrede die Szene ‚Fritz und Franz vor dem Jüngsten Gericht‘ in so drastischen Bildern dargestellt, dass man davon ausgehen musste, dass sie ohne Bier und ohne Karten in der Hölle schmoren würden. Mausetot lagen sie nebeneinander aufgebahrt. Selbst als der für seine derben Späße bekannte Sperber dem Franz zum Abschied eine Herz Ass-Karte in den Sarg legte, ließ sich der Fritz nicht aus der Ruhe bringen. Niemand hätte sich gewundert, wenn die beiden aufgestanden und über sich hergefallen wären, außer der Priester, dem die Wiederauferstehung gerade dieser beiden aus theologischen Gründen unrecht gewesen wäre.
Etwas später hatte irgendwer - es kann nur die scheinheilige Dora gewesen sein - angeblich sogar Schreie auf dem Friedhof gehört, wie sie nur bei hoher Temperatur und ohne Bier vorstellbar waren. Obwohl bekannt war, dass die Dora in Glaubensfragen übertrieb, ja manchmal mit dem Bekreuzigen gar nicht mehr aufhörte, genügte das und eine Zeit lang schien etwas Frieden ins Dorf eingekehrt zu sein. Manche meinten sogar, mehr Männer auf den Kirchbänken gesehen zu haben.
Niemand wünschte sich die beiden als Nachbarn, selbst nicht auf dem Friedhof, wo die Grenzen aus dem Diesseits aufgehoben waren. Trinker, zu früh und zu spät Verstorbene und ganz normale Tote lagen unsortiert kreuz und quer. Michl versuchte sich die beiden wegzudenken, wenn er am Grab seiner Frau stand. Die Kränze darauf waren welk, die letzten Grüße verwittert. Sie warteten auf Ablösung durch frisches Grün, das nicht so traurig nach Tod aussehen würde.
Michl fror. Er erinnerte sich an den kalten Regen zur Beerdigung, als er sie noch um sich gespürt hatte. Wie durch einen Schleier, schwer wie Beton, war die Trauerfeier zu ihm gedrungen. Es war nicht die Kälte, weshalb seine Hände gezittert hatten, angelehnt an die Wand ohne den anderen, der immer da gewesen war. Wie eine Glocke aus Schall und Weihrauch hing die Liturgie über dem nasskalten Friedhof. Die elektrifizierte Stimme des Priesters zerriss die Stille und drang bis zu den entferntesten Gräbern. Alle sollten wissen, dass es Zuwachs gab. Dazwischen irrten die zitternden Stimmen der alten Frauen, die den Refrain sangen. Leichte Beute für den Wind, der ihr Gelöbnis zerriss und mit sich trug. Das Latein des Priesters klang wie die Zauberformel der Ewigkeit. Unnahbar stand er im festlichen Gewand abseits der schwarzen Menge.
Michl hatte nicht zugehört. In seinem Kopf war ein anderer Film abgelaufen. Er hatte sie gesehen, wie sie früher war. Nicht im letzten Hemd mit auf der Brust gefalteten Händen. Nicht als Schwester des Herrn, sondern als seine Frau.
Der Rauch kippte schräg aus den Schornsteinen, als ob die Häuser wie Dampfloks das Depot verließen. Der Wind schob ihn mit den Wolken davon, beißender Geruch nach Holzfeuer blieb wie ein Deckel über dem Dorf zurück. Regen trommelte den Takt, Blätter rauschten, Mauerritzen heulten die Melodie des Herbstes. Der Wind suchte nach Mitspielern für seine wilde Komposition. Eine Fensterscheibe, die in den Angeln klirrt, ein Ziegel, der auf der Straße zerschellt oder ein Stück Wäsche, das wie ein übermütiger Vogel ihm hinterherflattert?
Das Haus oberhalb des Dorfes trotzte dem Wind länger, als Michl mit seinen siebzig Jahren darin wohnte. Es kannte seine Launen und Tricks, wenn er wie ein Einbrecher an den Türen und Fenstern rüttelte, um mitzunehmen, was nicht fest war. Doch nur ein paar Blätter zogen mit zum Dorf, wo er durch die Straßen streifte und anklopfte. Niemand öffnete ihm, nur ein kaputtes Scheunentor schlug mit dem Wind im Takt. Zu träge, um ihm zu folgen.
Das Dorf tat, als ob es nicht da wäre. So wie die Alten, die nur ein geübtes Auge erkannte, wenn sie auf den Bänken saßen und wie Tote vor sich hinstarrten, bis jemand zum Essen rief und sie plötzlich wieder zum Leben erwachten. Sie hofften, dass es noch dauerte, bis er sie irgendwann für immer holen käme.
Das Rauschen ging unter im Lärm der Traktoren, Kühe und Kirchenglocken. Michl war das einzige Publikum des Windes. Sein Treiben zerstob die Stille, die sich wie Watte um ihn gelegt hatte. Er kannte die Himmelsrichtung, wusste, ob er Regen oder fremde Gerüche mit sich brachte. ‚Vielleicht würde er ihm etwas zutragen, eine Nachricht von ihr?‘, hoffte er. Doch von ihr hatte er nie etwas dabei.
Seine Gedanken hatten sich in einem Strudel verfangen, sein Blick den Rahmen verloren, seine Stimme das Sprechen verlernt. Die Stille wurde immer lauter, lechzte nach Lärm. Hören ist die Kunst der Einsamen.
Er hörte die Kirchenglocken, wenn er nachts schlaflos im Bett lag und mitzählte: vier Schläge für die volle Stunde, einer für jedes Viertel. 00.15 - der erste Schlag eines neuen Zeitabschnitts, gleichmäßig von den Glocken filetiert.
Er hörte das Ächzen der Fichten am Waldrand hinter dem Haus, wenn der Wind die Nadeln durchkämmte. Sie verbeugten sich vor seiner Macht, wenn er an ihren Kronen rüttelte, um zu prüfen, ob die Wurzeln noch hielten.
Er hörte das Klagen der Kühe unterhalb des Hanges, die vergorenen Mais statt Heu bekamen. Ein Wunder, dass sie nicht platzten. Kein Wunder, dass die Milch nicht schmeckte.
Er hörte das Postauto, wenn es die Anhöhe hochkroch, oben angekommen beschleunigte und verschwand. Nur auf den Zeitungsausträger war Verlass, der frühmorgens durchs Dorf fuhr und die „Südostoberfränkischen Nachrichten“ wie aus einer Kanone gegen die Haustüren ballerte.
Manchmal, wenn die Stille zu laut wurde, schmiss er eine der kitschigen Hummelfiguren aus der Glasvitrine gegen die Wand. Sie hatten ihm nie gefallen. ‚Humel‘ stand am Boden, das andere ‚m‘ mussten die Polen oder Vietnamesen vergessen haben. Doch kaputt ging der Nippes nicht. Er warf, bis die Tapete Löcher bekam, doch die polnisch-vietnamesischen Plagiate blieben trotzig auf dem Boden liegen und dachten nicht daran aufzugeben. Schwerkraft, Trägheitssatz und andere physikalische Gesetze gaben ihr Bestes, doch erst der Hammer machte ihnen ein Ende.
Manchmal hörte er Schritte im Treppenhaus oder ihre Stimme, die vom Garten nach ihm rief. Er lief hinaus und suchte sie. Erst wenn er vor Kälte zu zittern begann, verstand er, dass alles nur Einbildung sein musste. Dann lachte der Wind über ihn und fuhr frech durch seine Haare. Sie würde nicht kommen, nicht einmal rufen. Weg war sie, wie vom Erdboden verschluckt.
Seine Frau lag am anderen Ende des Dorfes auf dem Friedhof begraben. Ein frisches Grab, nicht abgedeckt mit einer schweren Marmorplatte, wie man es hier machte, um auf Nummer sicher zu gehen. Ausgerechnet zwischen dem Schluck Franz und dem Specht Fritz. Der eine links, der andere rechts von ihr. Seltsame Gesellen, zu Lebzeiten immer im Streit wegen der Kartenspielerei. Beide Choleriker, der eine Trinker und Zinker, der andere Trinker und Zänker. Man nannte sie Schluckspechte. Gleichzeitig waren sie gestorben, wie ein altes Paar, bei dem der eine nicht ohne den anderen sein konnte.
Es musste im Streit vor dem Wirtshaus geschehen sein, Genaues wusste niemand. Gegen ihre sonstige Gewohnheit kamen sie vom Rauchen nicht in den Gastraum zurück. Reglos fand man sie auf der Bank an der Tanzlinde sitzen. Kopf an Kopf, als flüsterten sie miteinander – friedlich und nicht tot.
Der Fritz hatte die Ass-Karte aus Franz Ärmel herausspitzen sehen, was ihn so aufgeregt hatte, dass er plötzlich zu leben aufhörte und tot sitzen blieb. Einfach so, mit der nicht fertiggerauchten Zigarette zwischen den Fingern. Nicht einmal umgefallen war er, so hat ihn das geärgert.
Der offene Ausgang des Spiels hat den Franz so wütend gemacht und gleichzeitig mit Schrecken an eine fritzlose Zukunft denken lassen, dass er spontan mitgestorben war. Wie zu einer Partie im Jenseits verabredet, lag das Blatt zwischen ihnen.
Vorerkrankungen gab es bei beiden zuhauf, allein die Leberzirrhose hätte für drei gereicht. Der Arzt schrieb „Herz“ in den Totenschein, wie das Ass im Ärmel von Franz. Um künftigen Ärger zu vermeiden, hatte man sie nicht nebeneinander beigesetzt. Dass es Michls Frau als Puffer erwischt hatte, war reiner Zufall.
Das Ableben der beiden hatte beim Dorfwirt Spuren hinterlassen. Es war so ruhig geworden, dass man die Hintergrundpopmusik im Gastraum hören konnte, und sogar das Klößekneten der Wirtsfrau aus der Küche. Man fragte sich, ob das mit den beiden in Ewigkeit so weiterginge. Würden sie sich versöhnen, war Kartenspielen im Himmel überhaupt erlaubt? Doch es bestand der Verdacht, dass es keiner der beiden in den Himmel geschafft hatte. Der Priester hatte in seiner Trauerrede die Szene ‚Fritz und Franz vor dem Jüngsten Gericht‘ in so drastischen Bildern dargestellt, dass man davon ausgehen musste, dass sie ohne Bier und ohne Karten in der Hölle schmoren würden. Mausetot lagen sie nebeneinander aufgebahrt. Selbst als der für seine derben Späße bekannte Sperber dem Franz zum Abschied eine Herz Ass-Karte in den Sarg legte, ließ sich der Fritz nicht aus der Ruhe bringen. Niemand hätte sich gewundert, wenn die beiden aufgestanden und über sich hergefallen wären, außer der Priester, dem die Wiederauferstehung gerade dieser beiden aus theologischen Gründen unrecht gewesen wäre.
Etwas später hatte irgendwer - es kann nur die scheinheilige Dora gewesen sein - angeblich sogar Schreie auf dem Friedhof gehört, wie sie nur bei hoher Temperatur und ohne Bier vorstellbar waren. Obwohl bekannt war, dass die Dora in Glaubensfragen übertrieb, ja manchmal mit dem Bekreuzigen gar nicht mehr aufhörte, genügte das und eine Zeit lang schien etwas Frieden ins Dorf eingekehrt zu sein. Manche meinten sogar, mehr Männer auf den Kirchbänken gesehen zu haben.
Niemand wünschte sich die beiden als Nachbarn, selbst nicht auf dem Friedhof, wo die Grenzen aus dem Diesseits aufgehoben waren. Trinker, zu früh und zu spät Verstorbene und ganz normale Tote lagen unsortiert kreuz und quer. Michl versuchte sich die beiden wegzudenken, wenn er am Grab seiner Frau stand. Die Kränze darauf waren welk, die letzten Grüße verwittert. Sie warteten auf Ablösung durch frisches Grün, das nicht so traurig nach Tod aussehen würde.
Michl fror. Er erinnerte sich an den kalten Regen zur Beerdigung, als er sie noch um sich gespürt hatte. Wie durch einen Schleier, schwer wie Beton, war die Trauerfeier zu ihm gedrungen. Es war nicht die Kälte, weshalb seine Hände gezittert hatten, angelehnt an die Wand ohne den anderen, der immer da gewesen war. Wie eine Glocke aus Schall und Weihrauch hing die Liturgie über dem nasskalten Friedhof. Die elektrifizierte Stimme des Priesters zerriss die Stille und drang bis zu den entferntesten Gräbern. Alle sollten wissen, dass es Zuwachs gab. Dazwischen irrten die zitternden Stimmen der alten Frauen, die den Refrain sangen. Leichte Beute für den Wind, der ihr Gelöbnis zerriss und mit sich trug. Das Latein des Priesters klang wie die Zauberformel der Ewigkeit. Unnahbar stand er im festlichen Gewand abseits der schwarzen Menge.
Michl hatte nicht zugehört. In seinem Kopf war ein anderer Film abgelaufen. Er hatte sie gesehen, wie sie früher war. Nicht im letzten Hemd mit auf der Brust gefalteten Händen. Nicht als Schwester des Herrn, sondern als seine Frau.